
Leben wie ein Abenteurer
VON JENNIFER REINHARD, 23.04.07,
BERGHEIM-QUADRATH. Manches, was Baldur Drobnica
aus Quadrath-Ichendorf erzählt, klingt wie die Handlung eines
James-Bond-Films. Da werden heimlich Stempel aus einem afrikanischen
Amt benutzt, man gibt sich als führender deutscher Politiker
aus oder muss wegen Funkens ohne Lizenz von der Botschaft aus dem
Gefängnis befreit werden.
Der pensionierte Bundesbeamte leidet aber keineswegs
an einer etwas zu ausgeprägten Fantasie. Auf insgesamt 66 Funkerexpeditionen
hat der Erste Vorsitzende des Deutschen Amateur-Radio-Clubs, Ortsverein
Bergheim, bereits die entlegensten Orte erkundet.
Rund 350 Länder gibt es auf den Landkarten
der Funker. Es handelt es sich dabei nicht um eine politische oder
geographische Einteilung, sondern um ein „Amateurfunkland“, das
es zu erkunden gilt. Rund 100 000 bis 150 000 Funker weltweit wollen
Verbindungen zu diesen Gebieten herstellen und mit den sogenannten
„QSL Karten“ den Kontakt zu den teilweise unbesiedelten Orten dokumentieren.
Drobnica gehörte auch zu den Sammlern dieser
interkontinentalen Verbindungen. Als er rund 200 Funkverbindungen
in ferne Länder erreicht hatte, hört er mit dem Sammeln
auf. Er begann, die andere Seite der Leitung für sich zu entdecken.
1973 ging er auf seine erste „Dxpedition“ (D steht für Distance)
- eine Funkexpedition in ein entferntes Gebiet. Eine Woche verbrachte
er in der orthodoxen Mönchsrepublik „Mount Athos“ und ermöglichte
so zahllosen Hobbyfunkern, eine Verbindung in das begehrte Gebiet
herzustellen. Seither treibt ihn sein Hobby ein- bis zweimal jährlich
nach Afrika, Asien oder in die Karibik. Stets in ein Gebiet aus
der „Most-Wanted-Liste“, in die Hobbyfunker die 100 begehrtesten
Verbindungsorte wählen können.
Abenteuerlust, Kreativität und ein gewisses
technisches Verständnis - diese Eigenschaften treffen bei Drobnica
aufeinander. Schon als Kind hat Drobnica Abenteuerromane verschlugen,
bei der Bunderwehr erlernte er die Grundkenntnisse der Telegrafie.
Diese wollte er beibehalten und legte daher 1960 bei der Post seine
Prüfung als Amateurfunker ab. Dort erhielt er auch seinen offiziellen
Funkernamen: DJ6SI, mit dem er die Stadt Bergheim in Fachkreisen
weit über den europäischen Kontinent hinaus bekannt machte.
Bei einer Expedition 1983 schlug die Abenteuerlust
in Lebensgefahr um. Bei einer Fahrt mit einem Katamaran schipperten
er und seine Mannschaft durch das Gebiet der Spratly-Inseln im südchinesischen
Meer. Es handelte sich um ein politisch unsicheres Gebiet; in der
Nähe einer der Insel geriet das Schiff unter Beschuss. Einer
der Funker starb an den Folgen einer Schussverletzung. Ein weiterer
Hobbyfunker überstand die zehntägige Wartezeit bis zur
Rettung nicht. Das Funken aus fernen Ländern aufgeben? Diese
Frage hat sich für Drobnica auch nach dieser extremen Erfahrung
nicht gestellt. Der Amateurfunker glaubt, bei seinen Expeditionen
kein außergewöhnliches Risiko einzugehen. Schließlich
seien Pauschalreisen oder der tägliche Straßenverkehr
nicht weniger gefährlich. „Das Risiko, dass so etwas noch mal
passiert, ist sehr gering“, ist sich der Pensionär sicher.
Darüber hinaus meide er auf seinen Reisen offensichtlich gefährliche
Gebiete. Auch sein Alter, Drobnica ist 72 Jahren alt, sei noch lange
kein Grund, auf die Reisen zu verzichten.
Nur wenige Wochen liegt die jüngste „Dxpedition“
zurück. Im afrikanische Burundi hat Drobnica die Anfragen vieler
Hobbyfunker entgegengenommen. Bereits im Sommer geht es wieder nach
Namibia. Dann allerdings mit seiner Familie. Ein- bis zweimal jährlich
bietet er Freunden oder Verwandten geleitete Erkundungstouren durch
die afrikanische Steppe an.
|